Was ist eigentlich eine Fotografie? Eine Annäherung.

Eine scheinbar klare Sache.

Licht wird durch eine Linse/Objektiv eingefangen und auf eine ebene Fläche projiziert. Dort wird bei der analogen Fotografie ein lichtempfindlicher Film platziert, der die Lichtspuren konserviert – oder eben bei der digitalen Fotografie ein lichtempfindlicher Chip, der die Lichtspuren in elektrische Impulse umwandelt.

In beiden Fällen ist nicht die Lichtspuraufzeichnung in der Kamera das Foto, sondern das Foto entsteht erst später nach weiteren Bearbeitungsschritten. Das was vor der technischen Verarbeitung (Entwicklung im analogen Fall und algorithmische Verarbeitung im digitalen Fall) zu einem visuellen Bild passiert, also unmittelbar nach der Belichtung in der Kamera liegt im Verborgenen ist für Menschen unsichtbar.

Bei der analogen Fotografie entsteht nach der Belichtung in der Kamera ein »latentes Bild« in der Fotoemulsion. Für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar, für die spätere fotochemische Bearbeitung von substanzieller Bedeutung.

Bei der digitalen Bildaufzeichnung änderen sich die elektrischen Zustände der einzelnen Pixel. Selbst wenn wir diese Daten vor uns ausgedruckt sehen könnten (Maschinencode), wären wir trotzdem nicht in der Lage daraus ein visuelles Bild zu entwickeln. Die Datenmenge wäre viel zu groß und unsere Vorstellungskraft reicht nicht, aus digitalen Ursprungsdaten visuell wahrnehmbare Bilder zu erzeugen. Also erzeugt auch ein digitaler Aufnahmechip für uns Menschen nicht mehr als ein latentes Bild, das unsichtbar ist. Die Anzeige des visuellen Bildes auf dem Display der digitalen Kamera ist bereits das Ergebnis einer umfassenden algorithmischen Datenverarbeitung!

Aber Halt: Bei dieser Beschreibung handelt es sich lediglich um eine technische Beschreibung des Prozesses der analogen oder digitalen Bildaufzeichnung des Fotografierens. Keineswegs ist damit erklärt, was eigentlich eine Fotografie ist. Oder was sie für mich ist.

Visuelles Experiment.

Ich gehe durch einen Wald. Um mich herum Gestrüpp. In ungefähr 30 Meter Abstand sehe ich durch das Dickicht einen Jägerstand. Ich nehme meine Kamera. Ich Fokussiere auf den Jägerstand, der für mich auch beim Blick durch die Kamera ähnlich im Fokus steht wie beim Blick ohne Kamera.

Ich entwickle den Film (weil ich nicht digital fotografiert habe) . Vergrößere ein Foto. Bin enttäuscht. Auf dem Foto zeigt sich Gestrüpp. Der Jägerstand ist nur ganz klein im Hintergrund, kaum sichtbar, gestört durch Äste, die den Blick verstellen, keineswegs im Fokus so wie ich das von der Aufnahmesituation in Erinnerung hatte.

Was war geschehen?

Foto und die Erinnerung an die Aufnahmesituation waren nicht deckungsgleich. Während beim natürlichen Sehen mein Gehirn mich in meiner Intention den Hochstand in den den Fokus zu rücken unterstützte, indem es störende Äste für mich »wegdachte«, war das Foto eine scheinbar »objektive« Aufzeichnung der Situation, sozusagen ein physikalisches Abbild, von der Welt, wie sie ist.

Selektiver Blick.

Im Umkehrschluss heißt das für mich, ich kann gar nicht die Welt mit meinen Augen »objektiv« wahrnehmen. Mein Blick selektiert wohl immer, gelenkt durch mein persönliches Wollen. Nur ist dieses »Wollen« von mir sehr häufig nicht bewußt herbeigeführt. Wenn zum Beispiel Gefahr droht, wenn im Straßenverkehr jemand aus einer Ausfahrt prescht, dann ist sofortige Handlung erforderlich, dann wäre es nicht besonders hilfreich, wenn meine Wahrnehmung das Blumenbeet neben der Ausfahrt mit der gleichen Intensität wahrnimmt, wie das herauspreschende Auto.

Wie zweckdienlich Wahrnehmung funktioniert, erkennt man an folgendem Beispiel. Beginnt man gewohnheitsmäßig von links nach rechts zu lesen, ist der mittlere Buchstabe ganz selbstverständlich ein »B«. Liest man allerdings von oben nach unten, dann ist genauso selbstverständlich der mittlere Buchstabe eine »13«. Die Wahrnehmung wird also der jeweiligen Intention untergeordnet!

Diese »Wahrnehmungseffizienz« unseres Gehirns ist weitreichend – bis in den gesellschaftlichen Bereich: Das Foto von einem Windrad. Es mag bei der einen oder dem einen positive Gefühle auslösen, weil es für Energiekehrtwende und saubere Energie steht, während es bei den anderen negative Gefühle auslöst, weil es für sie für ideologisch motivierte Energiepolitik steht. Entscheidend für die Wahrnehmung ist der Kontext, das soziale Umfeld und die sich. daraus ergebenden Sehgewohnheiten. Das politische Umfeld. Mit wem man Kontakt hat, wem man vertraut, wem man sich zugehörig fühlt, so nimmt man auch wahr.

Es gibt also keine Wahrnehmungswahrheit und schon lang keine Wahrnehmungsobjektivität, sondern immer nur eine zweckorientierte Wahrnehmung. Wahrnehmung »lügt« also immer!

Der Mythos vom fotografischen Gedächtnis.

Ich rufe mir das Wohnzimmer meiner Eltern mit Essecke ins Gedächnis als ich 16 Jahre alt war. Ich meine mich an jedes Detail zu erinnern: Die gelben Wände, die weißen Möbel, selbst das ursprünglich winzige Brandloch auf der Anrichte, das mein Vater »reparierte« und daraus einen 20 cm großen unansehnlichen Fleck machte, der braune Langflor-Teppich. Alles ist da, wie ein Foto. Aber jetzt wende ich mich gedanklich in die Ecke hinter den Esstisch und ich kann mich nicht erinnern, wie es da aussah, was dort stand, welche Bilder an der Wand hingen, wie die Lampe aussah, wie die Tür zum Flur aussah. Ein ganzer Bereich ist in meinen Erinnerungen nicht vorhanden. Mein fotografisches Gedächtnis hat Brüche. Gefühlt war es ein absolut klares Bild.

In der Psychologie wird der Begriff »fotografisches Gedächtnis« oft als »eidetisches Gedächtnis« bezeichnet. Es beschreibt die Fähigkeit, visuelle Informationen sehr detailliert zu speichern und später abzurufen, als würde man ein Foto betrachten. Mein kleines Beispiel zeigt, wie lückenhaft diese Erinnerungen sind.

Ich nehme eine Fotografie aus dieser Zeit im Wohnzimmer meiner Eltern in die Hand. Sie zeigt meine Großeltern. Ein komplett anderer Blickwinkel. Der zuvor beschriebene Esstisch ist auf dem Foto überhaupt nicht sichtbar. Aber sofort erinnere ich mich: Das Radio in der Ecke, der Hundertwasser-Druck an der Wand, die Tür. Alles ist plötzlich da. Das Foto hat also als Katalysator gewirkt. So wie bei einem Zuckerwürfel, den man nicht mit einem Feuerzeug anzünden kann. Schnippt man etwas Zigarettenasche darauf, brennt er sofort. Die Asche hat als Katalysator gewirkt, wie das Foto für meine Erinnerungen.

Was spiegelt eine Fotografie?

Wie kommt es dazu, das bestimmte Fotos uns im innersten Kern treffen und andere lassen uns absolut ungerührt. Klar, da gibt es die künstlerische Qualität. Aber wie funktioniert die, was passiert da? John Berger, der in den 70er Jahren bekannt wurde mit der legendären BBC-Fernsehserie »WAYS OF SEEING« redet in diesem Zusammenhang von vielschichtigen Fotos, die offen genug sind um Verbindungen (zu Erinnerungsfragmenten) herzustellen und davon, das eine Kamera eine Sammelbox für »Erscheinungen« ist.

Erscheinungen sind ein Konstrukt das eigentlich aus der vorindustriellen Zeit stammt. Das Leben der Menschen war durchwegs von Erscheinungen geprägt. Erscheinungen wurden interpretiert. Erscheinung waren Zeichen, Codes. In einer Welt voller Zeichen und Symbole offenbarte sich dem Betrachter ein faszinierendes Spektakel. Der Felsen, der wie der Riese Abfalter aussieht, die verkrüppelte Eiche, in der vorstellbar ist, das darin ein Wassergeist sein Zuhause hat. Jedes Element, ob sichtbar oder unsichtbar, trug eine verborgene Bedeutung in sich. Die Gesamtheit der Erscheinungen bildete ein komplexes Netzwerk aus Verbindungen und Interpretationen. Die Summe aller wahrnehmbaren und erahnbaren Phänomene und ihrer Wechselwirkungen ergab schließlich ein umfassendes Bild der damaligen Realität.

Berger sagt Erscheinungen hängen untereinander zusammen und dieser Zusammenhang drängt dazu eine Einheit zu bilden, die einer Sprache nicht unähnlich ist (Landschaften sprechen zu den Menschen, die dort leben).

Genauso funktionieren Fotografien: Legen Sie eine beliebige Zahl Fotos in einer Reihe oder als Tableau aus, Sie werden immer versucht sein, Verbindungen auf einer »Metaebene« herzustellen – die Fotos verweben sich, werden zu Erscheinungen und erzählen eine Geschichte, die oft über das vordergründig Sichtbare hinaus geht. Das ist das, was Fotografie kann.

©Michael Helminger, Fotoserie 2024

Aber mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Erscheinungen immer mehr in den Hintergrund gedrängt zugunsten messbarer Objektivität. Roland Barthes redet vom »es-ist-so-gewesen« als einzigartige Fähigkeit der Fotografie, einen Moment der Vergangenheit zu bezeugen, wodurch die Fotografie eine direkte Verbindung zur Realität herstellt.

Und schaut man sich heute die Verwendung von Fotografie in den sozialen Medien an, so ist sie nicht unähnlich der Art und Weise, wie unsere Großeltern und Urgroßeltern Fotografie verwendeten. Damals war es die Oma Ella bei der Goldenen Hochzeit vor üppig gedeckter Festtafel im Kreis ihrer Familie. Im Familienalbum wurden dann handschriftlich auch noch die Personen aufgezählt, die auf dem Foto nicht sichtbar waren, aber auch dabei waren.

Heute ist es das nahezu perfekte Foodfoto, das unser Handy im Lokal produziert, in dem man gerade sitzt, das noch bevor man überhaupt das Essen gekostet hat, die Reise ins Netz antritt: So-ist-es-gewesen unser Essen beim Italiener. Das Foto ist der Beweis, im Foto repräsentiert sich, was wir tun und heute, in Zeiten von Social Media vor allem, wer wir sind. Für mich hat sich daher die Fotografie seit Anbeginn nicht wesentlich weiterentwickelt. Nach wie vor wird in der Fotografie ein Abbild der Wirklichkeit gesehen, so wie sie ist.

Was für mich ein Foto ist.

Es gibt eine Art der Fotografie, die fähig ist, das nicht Sichtbare, das Verborgene zu spiegeln. Nicht weil so etwas auf den dargestellten Fotos »drauf« ist, sondern weil die Fotos eine Metaebene entwickeln und provozieren, das Unsichtbare zu Denken, zu fühlen. Für mich sind das Fotos, die einen anderen Bildzweck verfolgen. Es sind Fotos, die nicht repräsentieren und auch nicht romantisch einlullen, sondern selber »sind«. Fotos, die im Sinne eines John Bergers »vieldeutig« sind.

Wir sind es gewohnt Fotos vor allem im gedanklichen Konstrukt der »Repräsentation« zu sehen und zu verwenden. Vom Foto wird Ähnlichkeit zur Wirklichkeit gefordert. Schärfe. Wiedergabetreue. Ähnlich einem Passfoto. Der Zollbeamte vergleicht das Foto mit mir und überprüft die Ähnlichkeit und entscheidet ob Foto und Realität übereinstimmend sind. So sehen die meisten Fotos unserer Bilderwelt aus. Technisch perfekt und dabei oft sensationell, romantisch, designig, weichgespült.

Ich bin hingegen fasziniert von Fotos die zu Bildern werden. Dinglich. Mit meinen Händen zum Anfassen. Ja, eher analog. Ich muss sie in die Hand nehmen können. Ich lege sie vor mir auf den Tisch. Ich betrachte sie. Immer wieder. Ich merke, sie machen etwas mit mir. Sie treffen mich, haben das Punktum, von dem Roland Barthes sprach, das Element, das mich als Betrachter durchbohrt und verwundet. Auch wenn die Fotos von mir selber gemacht sind. Vielleicht machen sie das ausschließlich mit mir. Wie es anderen mit den gleichen Bildern geht, erschließt sich mir nicht, ist auch nicht von Belang. Ich bin nicht mehr der, der ich vor der Bildbetrachtung war. Das sind für mich Fotos.

Ja, und die Fotos, die ich meine, treten in Horden auf. Sind niemals solitär, sondern suchen sich gegenseitig, eine Kombination aus vielen, die sich miteinander verflechten, sich gegenseitig verstärken, Höhepunkte entwickeln, eine Dramarturgie entwickeln, eine Geschichte erzählen, aber nicht im dokumentarischen Sinn.

Fotos, die ich meine, sind Bilder, die ihre eigene Existenz entwickeln, die leben und auch sterben, Ecken, Fehler und Kanten haben und die nicht von der perfekten neuen Welt erzählen, sondern vielleicht doch von der wirklichen Welt. Wer weiß es schon… Vielleicht sind die Fotos, die ich meine auch nur Traumwirklichkeiten und ich selbst bin ein Träumer, der in den Fotos seine Erfüllung findet. Deshalb begegnen wir uns. Deshalb mögen wir uns. Deshalb können wir gemeinsam manche (viele) andere Fotos nicht ausstehen!

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