Cyanotypie / Eisenblaudruck – was kann man heute damit anfangen?

Die Cyanotypie, ein faszinierendes fotografisches Edeldruckverfahren, hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert und beeindruckt bis heute mit seiner charakteristischen blauen Färbung. Im Jahr 1842 entwickelte der britische Naturwissenschaftler und Astronom Sir John Herschel dieses Verfahren. Es war das dritte stabile fotografische Bildherstellungsverfahren nach der Daguerreotypie und Kalotypie und zeichnete sich durch seine Einfachheit und geringe Toxizität aus.

Nur ein Jahr nach Herschels Entdeckung machte die britische Botanikerin Anna Atkins die Cyanotypie durch ihre bahnbrechenden Arbeiten bekannt. Sie nutzte das Verfahren, um detailreiche Fotogramme von Algen und anderen Pflanzen zu erstellen. Ihr Werk »British Algae: Cyanotype Impressions« war das erste mit Fotografien illustrierte Buch und setzte neue Maßstäbe in der wissenschaftlichen Dokumentation.

Die Cyanotypie fand nicht nur in der Kunst und Wissenschaft Anwendung, sondern erlebte ab den 1870er Jahren bis etwa 1950 auch eine weite Verbreitung als Vervielfältigungsmethode für Architekturpläne und technische Zeichnungen. Das Wort »Blaupause« hat sich im Sprachgebrauch bis heute erhalten.

Warum Beschäftigung mit Cyanotypie heute?

Ich gebe es offen zu: Bis vor nicht allzu langer Zeit, wusste ich lediglich, das die Cyanotypie zu den sogenannten fotografischen Edeldruckverfahren gehört, die vor allem zu Beginn der Fotografie eine Rolle spielten. 

Damals waren zwei Dinge nicht selbstverständlich: Erstens basierten viele damalige Verfahren (z.B die Daguerrografie) nicht auf einem Negativ-Positiv-Prozess, sondern produzierten Unikate. Zweitens war selbst bei den Negativ-Positiv-Prozessen die Anfertigung fotografischer Bilder (=Positive) häufig ein recht teures Verfahren, auch noch dadurch verschärft, weil neue fotografische Verfahren teilweise patentiert wurden und die Nutzung zudem Lizenzkosten nach sich zog. 

Rückblick: Edeldruckverfahren

Viele der fotografischen Verfahren aus der Anfangszeit der Fotografie werden heute unter dem Namen »Edeldruckverfahren« zusammengefasst. Dabei ist der Begriff »…Druckverfahren« etwas verwirrend, denn es geht nicht um drucken im deutschen Sinn (vgl. Buchdruck) sondern eigentlich um »Printen« im englischen – also um eine Bildausgabe … es sind fast alles Verfahren, die in einem chemischen Prozess Fotografien zu Papier bringen, sichtbar machen. Bekannte Vertreter waren:

Platindruck

Hochwertiges Verfahren mit Platin, bekannt für Haltbarkeit und feine Grauabstufungen (ab 1870er Jahre)

Chrysotypie

Goldbasierte Drucktechnik für warme Bildtöne (1842)

Albumindruck 

Verwendung von Eiweiß als Bindemittel, weit verbreitet für Drucke im 19.  Jahrhundert.

Die Verfahren wurden obsolet mit der Einführung der Technologie der klassischen SW-Filme auf Silberbasis (Farbfilme waren dann später im Grunde keine Neuerfindung sondern lediglich eine Verfeinerung). Das Verfahren basiert auf lichtempfindlichen Silberbromid in einer Gelantineschicht (auf einem transparenten Träger: anfangs Glas, später Zelloid und dann Kunststoff), nach Belichtung in einem Fotoapparat entsteht zuerst ein latentes Bild das mit Entwickler sichtbar und mit Fixierer haltbar gemacht wird. Ab den 1880er Jahren wurde dieser Film zum Standardmedium für Fotografie. Beigetragen haben natürlich auch die nach und nach lichtstabilen Vergrößerungspapiere mit denen dann auch in Vergrößerungsgeräten erstmals fotografische Prints erzeugt werden konnten, die größer waren als das Aufnahmeformat, weil eben diese Silberbromid-Technik wesentlich lichtempfindlicher war als alle anderen Verfahren vorher.

Schwerer Stand der Fotografie in den Anfangstagen als Kunstform anerkannt zu werden

Schon bald nach Erfindung der Fotografie kristallisierte sich sehr bald eine vornehmliche praktische Anwendung heraus: die Portraitfotografie. In der Vergangenheit ließen ja besser gestellte Bürger nach dem Vorbild des Adels Portraits von sich malen. Das war natürlich ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Da bot sich nun für eine wesentlich breitere Masse durch Erfindung der Fotografie ein bei weitem billigerer Zugang zum prestigeträchtigen Abbild. Diese Entwicklung führte zu einer fundamentalen Diskussion (die teilweise bis heute anhält), ob ein fotografisches Abbild einer Person Kunst sei im Sinne eines gemalten Portraits. So entstand die fotografische Bewegung, der Pikturalismus, der zwischen dem späten 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg seine Blütezeit hatte. Ziel war es, die Fotografie als künstlerisches Medium zu etablieren und Bilder zu schaffen, die eher Gemälden ähneln als realistische Momentaufnahmen. Außerdem ging es auch darum Abstand zu den vielen fotografischen Amateuren herzustellen, die entweder sehr kompliziert oder sehr kostenintensiv waren und daher nur den wahren »Meistern der Fotografie« vorbehalten war. Dabei wurden Techniken wie reduzierte Schärfe, nebelartige Lichtführung und intensive Nachbearbeitung eingesetzt. Beliebte Motive waren Landschaften, Porträts und Akte, oft in romantischer oder symbolischer Verklärung. Gerade mittels der Edeldruckverfahren fand der Versuch statt, Fotografie etwas gemäldehaftes« einzuhauchen. Recherchiert man heute im Internet zu Edeldruckverfahren und Cyanotypie, heben die meisten Bildbeispiele aus heutiger Produktion immer noch auf malerische Effekte ab, bewegen sich also nach wie vor auf dem Pfad des Pikturalismus. Selten findet man Beispiele für Projekte aus dem Bereich echter zeitgenössischer Fotografie.

Unsere Welt wird immer komplexer – auch die fortschreitende Technologie unserer Bilderwelten

Und genau das ist der Ansatz, über den ich auf das Thema Cyanotypie gestoßen bin. In unserer hochtechnologisch und komplex gewordenen Welt gibt es kaum noch Bereiche, Geräte oder Verfahren die wir mit unserem selbst erlernten Wissen durchdringen können. Vor nicht so langer Zeit hielt ich eine alte elektrische Hausklingel in Händen. Auf einer Holzplatte war eine Glocke aufgeschraubt, unterhalb eine Kupferspule mit einem Eisenkern und daneben ein Klöppel. Bei Druck auf den Klingelknopf induzierte der Strom in der Kupferspule ein Magnetfeld der den Klingelklöppel Richtung Glocke schwingen ließ. Ein Klingelton entstand. Der Klöppel prallte durch die Bewegung von der Glocke ab, Strom und Glockenton wurde kurz unterbrochen. Durch den Elektromagneten in der Spule wurde er kurz darauf wieder angezogen und der nächste Klingelton entstand. Bei so einer alten Glocke, kann man die Abfolge der Vorgänge durch Beobachtung noch selbst nachvollziehen. In Kombination mit etwas Schulwissen kann man den kompletten technischen Vorgang sogar theoretisch erklären. 

Immer mehr Blackboxes

Jetzt lege ich neben der alten elektrischen Klingel mein iPhone. Es klingelt auch, aber ich kann nicht durch Beobachtung herausfinden wie die iPhone-Klingel funktioniert, geschweige denn wie das ganze Handy funktioniert. Das ganze Handy ist wie eine Blackbox. Bei Anruf passiert irgendetwas, dann klingelt es, es wird sogar im Display etwas angezeigt. Im Gegensatz zur elektrischen Klingel habe ich nicht den Ansatz einer Ahnung oder eine Vorstellung was im inneren passiert. Ich weiß nur was am Schluss herauskommen soll, d.h. Bei welcher Eingabe was passieren soll, die inneren Vorgänge liegen im Verborgenen. So ein Handy ist für mich daher eine Blackbox. Wenn ich mir die Welt um mich herum anschaue besteht die halbe Welt aus Blackboxes, deren Inneres ich nicht ergründen kann, nur die Ergebnisse sehe ich. Manchmal weiß ich noch nicht einmal mit was die modernen Blackboxes gefüttert wurden. Zum Beispiel im Bereich Social Media. Mir werden Inhalte einspielt, die ich noch nie gesehen habe, die aber meiner Interessenlage entsprechen. Wer hat die Information dazu über mich eingegeben? Echt undurchschaubar diese modernen Blackboxes. 

Das gleiche im Bereich der Fotografie. Da steht vor mir eine alte Agfa 6 x 9 Klappkamera, eine Nikon FA (Kamera aus den 80er Jahren), eine Nikon F6 (Kamera aus den 90er Jahren) und eine Nikon D850 (die ist aus dem Jahr 2023). Bei der Agfa-Klappkamera, ist leicht nachzuvollziehen wie der Filmtransport funktioniert. Einfach ein Drehkurbel und nach ein paar Umdrehungen erscheint auf der Papier-Rückseite des Rollfilms eine »1« für das erste Foto. Ein einfacher Mechanismus, einfach durchschaubar. Objektiv und Verschluss sind eine Einheit. Wenn ich die hinten aufschraube, sehe ich mit eigenen Augen, wie alles funktioniert und ineinandergreift. Ich sehe, was sich alles bewegt und ineinandergreift, wenn ich den Auslöser betätige. Ich könnte diesen Verschluss zwar nicht nachbauen, aber ich könnte ganz genau erklären, was alles passieren muss, damit sich die Blende schließt und sich der Verschluss öffnet. Ganz anders bei den verschiedenen analogen Nikon-Kameramodellen: Mit fortschreitenden Baujahr ein immer höher werdender »Blackbox-Index«. Bei der Nikon FA gibt es noch einen einfachen Filmtransport, der ist noch nachvollziehbar, wenngleich bereits ein feinmechanisches Meisterwerk – der Belichtungsmesser aber hat schon viel Blackbox-Potential. Absolute Blackbox dann die Nikon D850 – Digitalkamera der neuesten Generation – nahezu ein Bildcomputer. Hier weiß ich zwar nahezu alles über die verschiedenen Einstellmöglichkeiten. Wie aber im Inneren Bilder entstehen: Ein Buch mit sieben Siegeln.

Kontrollverlust und Unabhängigkeit

Mein Nachdenken über Blackboxes hat auch etwas mit »Kontrollverlust« zu tun, der Ursache vieler gesellschaftliche Konfliktfelder darstellt. Was passiert mit mir, mit unserer Gesellschaft wenn wir nicht mehr wissen, was die Geräte, technischen Prozesse, Verfahren und Algorithmen im Inneren eigentlich machen? Klar, man kann sich auf den Standpunkt stellen, wozu muss ich wissen, wie mein iPhone funktioniert – ich muss doch lediglich wissen wie man es bedient um das Ergebnis zu bekommen, das man haben möchte. 

Das impliziert aber erstens eine fortwährende Verfügbarkeit der jeweiligen Technik. Zweitens greifen viele technische Entwicklungen gerade im Kommunikationsbereich in gesellschaftliche Entwicklungen ein. Moderne Kommunikationstechniken und vor allem auch Bildgenerierung haben einen hohen Einfluss auf das, was sich bei uns als gesellschaftliche Meinung verfestigt. Andererseits resultiert aus dem hohen Technologiestand eine Abhängigkeit von den jeweiligen Global-Player-Herstellern. Gerade erleben wir aber ein Zusammenbrechen der globalen arbeitsteiligen Wirtschaft. Bei der derzeitigen Zerschlagungssucht eines Trump lässt nicht mehr sicherzustellen ob und zu welchen Bedingungen wir auf Informationsdienste, die wir heute selbstverständlich nutzen Morgen auch noch zugreifen können, zumindest dann, wenn Sie Ihren Ursprung auf amerikanischen Boden haben. 

Cyanotypie als Gegenentwurf zu einer Blackboxes-Welt

Ich habe jetzt inhaltlich sehr weit ausgeholt und meine Blackboxes-Überlegungen streifen sicherlich das Interesse und Beweggrund sich mit Cyanotypie zu beschäftigen nur sehr weiträumig aber im Kern geht es mir darum, auf die potenziellen Gefahren hinzuweisen, die Technologie mit sich bringt, die im Zentrum gesellschaftlicher Meinungsbildung steht (Fotos>Social Media) und für »Normalbürger« nicht mehr durchschaubar, transparent sind. Genau an diesem Punkt setzt für mich eine Beschäftigung mit Cyanotypie ein. Zwei Eisensalz-Lösungen werden auf Papier aufgetragen, getrocknet, mit UV-Licht belichtet und in Wasser gebadet – und es entsteht ein fotografisches Bild in der Farbe Blau. Für mich ist das jedesmal ein Wunder – vor allem deswegen, weil ich jeden Prozessschritt selber initiiert habe, es keinen Hersteller gibt, der im Hintergrund Reglementierungen einbringt. Ein analoger, durchschaubarer Prozess, der seit 1848 fast unverändert praktiziert wird, fehlerbehaftet, aber wohltuend im digitalen Einerlei der Bildwelten in den sozialen Medien. Und: Diese Bilder haben einen physikalischen »Körper«, je nach verwendeten Papier kommt nicht das gleiche heraus, man kann keine zwei Prints herstellen, die in jedem Bildpunkt identisch sind. Hier gibt es noch die Unterscheidung zwischen Original und Kopie.

Eine Geschichte von »BLAU«

Adriaen van der Werff, Die Grablegung Christi, 1703, Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alte Pinakothek München, URL: https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/5RGQJQZ4z3 (Zuletzt aktualisiert am 17.10.2023)

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